Nachtzug Bukarest – Chisinau

Im DDR-Schlafwagen aus Ammendorf von Rumänien nach Moldawien


Es ist Donnerstagabend. Nach einer Sightseeingtour durch Bukarest kommen wir gegen 18:30 Uhr am Bukarester Nordbahnhof an. Wir kaufen noch einige lokale Backwaren und holen unser Gepäck bei der rund um die Uhr geöffneten Gepäckaufbewahrung im Bahnhof ab. Diese befindet sich in der Haupthalle von den Gleisen kommend gesehen auf der rechten Seite.

Bukarest Nord – einer der legendären Bahnhöfe auf der Route des Orient-Express

Dann geht es zur Abfahrtstafel um das Abfahrtsgleis herauszufinden. Da Bukarest Nord ein Kopfbahnhof ist, werden die Ankunft- und Abfahrtsgleise zeitgerecht vor der jeweiligen Ankunft- bzw. Abfahrt an einer modernen Abfahrtstafel angezeigt. Heute wird unser Zug an Gleis 8 abfahren. Es ist bereits stockdunkel und die Bahnsteige sind eher spärlich beleuchtet. So erscheinen die anderen Mitreisenden, die auf den Zug nach Chisinau warten, eher etwas unheimlich. Was zum einen aber kompletter Quatsch ist, zum anderen aber die Spannung durchaus etwas steigern lässt. Gute zwanzig Minuten vor Abfahrt ist es dann soweit. Unser Zug wird an den Bahnsteig rangiert. Und siehe da: Wir sind im letztem Wagen untergebracht. Bei der Bereitstellung fällt uns sofort auf, dass die Wagen Breitspurfahrzeuge sind. Sofort zu erkennen an der voluminösen Kastenform der Wagen. Das kennen wir schon von vorherigen Reisen durch Osteuropa. In weiten Teilen Osteuropas (Russland, Ukraine, Moldawien, Weißrussland, die baltischen Staaten und Finnland) verkehrt die Eisenbahn auf einer breiteren Spurweite. Diese beträgt 1524mm im Gegensatz zur Normalspur in Mittel- und Westeuropa von 1435mm. Da in Rumänien auf Normalspur gefahren wird, fallen die größeren Wagen im Bahnhof von Bukarest sofort auf. Natürlich muss an der Grenze die Spurweite geändert werden – dazu aber später mehr.

Die beiden Moldawischen Schlafwagenschaffner begrüßen uns in perfektem Englisch an der Wagentür auf dem Bahnsteig. Wir zeigen unsere Tickets, welche wir kurz nach der Anreise am internationalen Fahrkartenschalter im Bahnhof abgeholt hatten, und dürfen einsteigen. Hier könnt ihr lesen, wo und wie wir die Tickets für den Nachtzug gebucht haben. Uns empfängt sofort das typische Flair eines Eisenbahnwagens aus den Ländern der ehemaligen UdSSR. Nicht nur der Geruch nach einem mit Ofen beheizten Wagen strömt in unseren Nase, auch der Samowar sowie der akkurat glattgezogene Teppich im Gang des Wagen verbreiten eine einmalige Atmosphäre. Die in den Landesfarben Moldawiens gehaltenen Vorhänge an den Fenstern tun ihr übriges. Wir erreichen unser Abteil in der Mitte des Wagens und sind erst einmal erstaunt. 4 Liegen statt zwei Betten. Hmm – wir hatten doch extra ein Double, also ein Abteil mit Zweierbelegung gebucht? Wir richten uns trotzdem auf den Lederbänken ein und machen es uns gemütlich. Es stellt sich schnell heraus, dass die Moldawische Eisenbahn nur Schlafwagen mit 4-Bett Abteilen besitzt, man diese aber zur alleinigen Nutzung buchen kann. Also ist die aufkommende Panik die Nacht mit einem alkoholisierten, schnarchenden Zeitgenossen verbringen zu müssen schnell abgeflaut.

Und schon geht es los. Der Zug ruckelt und poltert etwas mehr als der vorherige Nachtzug, welcher uns von Wien nach Bukarest brachte. Aber alles im allem nicht so schlimm wie die Berichte von anderen Reisenden im Internet zu befürchten ließen. Es gibt kostenlosen, klassischen schwarzen Tee mit einer frischen Zitronenscheibe vom Schlafwagenschaffner. So fahren wir in die Nacht hinein und genießen erst einmal die kurz zuvor gekauften rumänischen Erlebnisbackwaren. Durchaus lecker unser Fazit. Dann geht es auf zu einer Erkundungstour. Ein Bordrestaurant hat dieser Zug leider nicht, aber wir sind ja gut versorgt. Am Ende eines jeden Schlafwagens befindet sich im Vorraum der Ofen, mit welchem der Wagen klassisch beheizt wird. Uns fällt auf, dass hier die Öfen mit Holz befeuert werden. In Russland und der Ukraine wurden diese mit Braunkohle betrieben. Deswegen ist ein Teil des Wagenübergangs auch als Lagerort für Äste und Baumstämme vorgesehen. Wir denken, dass in Moldawien Holz günstiger als Braunkohle ist und deswegen auf diesen Material zurückgegriffen wird. Das ist aber nur eine reine Vermutung unsererseits. Trotzdem spannend zu sehen.

Feuerstelle des Schlafwagens der Moldawischen Eisenbahn

Beim Gang durch den Wagen sehen wir außerdem, dass die Wagen in der ehemaligen DDR gebaut wurden. So wie sie aussehen, wurde seitdem nicht viel an ihnen modernisiert. Die originalen Wagenbaupläne aus Ammendorf hängen noch immer in den Wagen aus. So das zur Not jeder Fahrgast die Leitungen des Zuges reparieren könnte ;).

Zurück im Abteil bekommen wir vom Schaffner zwei Wäschepakete. Diese enthalten frisch gewaschene Bettwäsche und sind eingeschweisst. Die Kopfkissen, Bettdecken und Matratzen befinden sich in einem Fach unter unseren beiden Liegen, die wir selber herausholen und dann beziehen. So verwandelt sich unser Abteil in ein kuscheliges Nachtlager. Angenehm, dass wir beide unten schlafen können und keiner von uns auf die obere Liege klettern muss. Außerdem ist positiv hervorzuheben, dass die Beleuchtung im Abteil auf „Schlummervariante“ geschaltet werden kann, so dass wir es wirklich gemütlich haben. Immer wenn der Zug an einem Bahnhof anhält, schauen wir in die finstere Nacht hinaus und beobachten das Treiben. Irgendwann fallen uns die Augen zu und wir schlafen ein. Gegen drei Uhr in der Nacht werden wir von unserem Schlafwagenschaffner geweckt – wir mögen bitte nochmal die Toilette besuchen, da während der folgenden Grenzkontrollen ein Besuch in den Toilettenräumen untersagt ist. Schnell zur Toilette, damit wir rechtzeitig zurück im Abteil sind. Der Zug ist ausgebucht in dieser Nacht, da hatten wir uns schon auf die klassische WC-Schlange eingestellt.

Nun kommt der Zug auf der rumänischen Seite der Grenze zum Halten. Grenzzäune umzingeln die Gleise, alles ist hell erleuchtet. Kurze Zeit später klopft es abermals bei uns, die rumänischen Pass und Zollkontrollen sind schnell erledigt. Nach einiger Wartezeit zuckelt der Zug weiter. Es geht über die hell erleuchtete und schwer bewachte Brücke über den Pruth. Der Fluss trennt hier die beiden Länder Rumänien und Moldawien.

Im Bahnhof von Ungheni angekommen, postieren sich an beiden Seiten des Zuges mehrere bewaffnete Grenzbeamte – das ja kein Fahrgast unerlaubt entkommt. Die Moldawischen Grenzkontrollen beginnen. Hier ist es dann doch etwas strenger als zuvor. Wir werden befragt, was wir in Moldawien machen, warum wir dorthin fahren. Strenge Blicke fliegen zwischen Passbild und unserem Gesicht hin und her. Aber dann bekommen wir den erlösenden Stempel. Das war es aber noch nicht, der Zoll wirft einen Blick in unsere Gepäckstücke, gibt aber aufgrund der dort enthaltenen Wäscheberge schnell auf. Und dann kommt Frau Dr. Soldat. Sie stellt sich in gebrochenem Englisch vor und befragt uns nach Krankheiten. Ob das immer so ist, oder nur wegen der aufkommenden Coronavirus Epidemie, wissen wir nicht. Wir geben an Gesund zu sein – man glaubt uns scheinbar denn wir werden kommentarlos zurückgelassen. Dann setzt sich unser Zug wieder in Bewegung. Es wird rangiert. Es geht einige hundert Meter weiter in Richtung Osten, bevor wir wieder zurück in Richtung Bahnhof geschoben werden. Ach ja, da war ja was. Wir haben ja noch die rumänische Spurweite und können so nicht mit unserem Zug weiter in Moldawien fahren. Dann wird der Zug langsamer, Zentimeter genau kommen wir auf dem Werksgleis zum halten. Wir stehen auf dem Gang und beobachten das Treiben genau. Unser Wagen wird aufgebockt, dass geschieht mit großen Wagenhebern die an der Seite des Gleises stehen. Zentimeter für Zentimeter geht es nach oben. Zuvor sind die Wagenkästen von Mitarbeitern von ihren rumänischen Drehgestellen gelöst worden. Hierzu kam auch ein Mitarbeiter in den Wagen und hat im jeweils ersten und letzten Abteil „Stahlplatten“ aus dem Abteilboden gezogen. Die Drehgestelle für die Normalspur werden zur einen Seite hin weggezogen, während sofort von der anderen Seite aus die Breitspurdrehgestelle angerollt kommen. Hier an der Umspuranlage sind vier Schienenköpfe zu sehen. Zwei für die Normalspur, zwei für die Breitspur. Somit liegen hier zwei Gleis in einem sozusagen. Nachdem die Drehgestelle für unsere Weiterfahrt exakt positioniert wurden, geht es wieder abwärts. Langsam nähern wir uns wieder der gewohnten Höhe. Es wird alles miteinander verschraubt, der Zug wieder zusammen gekuppelt und dann geht es wieder zurück an den Bahnsteig in Ungheni. Jetzt können Passagiere aus Ungheni zusteigen.

Nach kurzer Zeit verlassen wir den Grenzbahnhof pünktlich in Richtung Chisinau. Beim Umspuren der Züge nach Russland und in die Ukraine werden zudem die Kupplungen der Wagen von west- auf osteuropäisches System gewechselt. Dieses können wir hier nicht beobachten.

Uns fallen wieder die Augen zu und ungefähr eine Stunde vor Ankunft in Chisinau klingelt unser Wecker. Mittlerweile ist es hell und wir kleben am Fenster und schauen hinaus in den moldawischen Morgen. Sofort wird uns klar, jetzt sind wir wirklich in Osteuropa angekommen. Häuser, Straßen und auch die winterliche Kleidung der Menschen erinnert uns stark an unsere letzte Reise in die Ukraine. Wir packen unsere sieben Sachen zusammen, ziehen die Betten ab und verstauen unser Bettzeug wieder unter unseren Liegen. Schon sind die Außenbereiche Chisinau erreicht und wir ziehen uns warm an. Es soll zwar auch heute wieder Plusgrade geben, aber noch sieht es ziemlich frostig draußen aus. Auf die Minute pünktlich kommen wir in Chisinau an. Wir verabschieden uns von unserem Schlafwagenschaffnern und stehen auf dem Bahnsteig in Chisinau. Die anderen Gäste sind binnen Sekunden verschwunden und wir sind die fast die einzigen Menschen im Bahnhof. Es ist sehr sauber, das Bahnhofsgebäude als auch die Bahnsteige wirken sehr gepflegt. Viele Züge fahren in Moldawien nicht. Die Bahngesellschaft ist chronisch pleite, es wird gegen die Verantwortlichen derzeit wegen Korruption ermittelt. Es gibt Verbindungen nach Moskau (teils zwei Mal täglich), drei Züge pro Woche nach Odessa und alle zwei Tage einen Zug nach St. Petersburg. Und natürlich den täglichen Zug nach Bukarest. Dazu kommt ein sehr übersichtlicher Regionalverkehr innerhalb des Landes.

Wir verlassen den Bahnhof, ziehen am Geldautomaten Moldawische Leu. An der Straße Bulevardul Iuri Gagarin auf der anderen Seite des Bahnhosvorplatzes fahren die Trolleybusse (Busse mit Oberleitung) in die Innenstadt. Busse gibt es hier en Masse. Sie kommen praktisch im Minutentakt und wir kommen so schnell und günstig in die Nähe unseres Hotels in der Mitte Chisinau. Die Busfahrkarten gibt es beim Schaffner. Schaffner fahren hier noch in jedem Bus mit, eine Fahrt kostet pro Person 2 Leu. Umgerechnet sind das gerade einmal 11 Cent. Wir kommen nach knapp 10 minütiger Fahrt an der Haltestelle Nationaltheater an und laufen die restlichen Meter zum Hotel. Hier dürfen wir unser Gepäck lassen und können ohne Last losziehen zum Frühstück in ein Café „um die Ecke“.


Wie es in Chisinau weitergeht und vor allem wie unser Ausflug in das „verbotene“ Land Transnistrien wird, dass alles erfahrt ihr bald hier!


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